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Flüchtlingsschicksale: Die Syrer auf den Straßen Istanbuls

(Kommentare: 8)

Ümit Oğuz Göksel dokumentiert einen wenig beachteten Teil der syrischen Tragödie

Bild: Ümit Oğuz Göksel

Sie schlafen in den Parks von Istanbul. Sie verkaufen Wasser oder Taschentücher auf den Straßen. Sie sitzen in den U-Bahnstationen vor den Rolltreppen. Sie bitten um Geld vor den großen Hotels und in den Vergnügungsvierteln. Es gibt für sie weder Ärzte noch Medizin. Die Kinder unter ihnen gehen in keinen Kindergarten und keine Schule, die älteren machen weder eine Lehre noch gehen sie zur Universität. Sie leben ganz im Hier und Jetzt, sie haben keinen Plan und keine Zukunft. Man sieht sie, aber will sie nicht sehen. Sie werden geduldet, aber sind doch unerwünscht. Die Polizei vertreibt sie, aber sie kehren zurück. Sie geben nicht auf, haben aber selber alle Hoffnung verloren. Ihre Existenz ist wohlbekannt ist, aber sie scheinen keinen der politisch Verantwortlichen in der Türkei, keine Hilfsorganisation, keine Europäische Union, nicht einmal das UNHCR und keine Medien zu interessieren.

 

 

tl_files/menschenrechte/88046428.m.jpg                          Bild: Ümit Oğuz Göksel

 

Wer sind diese Frauen, Kinder und Männer, die begonnen haben, die Straßen Istanbuls zu bevölkern?

 

       Fotografiert von Akif Demirel

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Ümit Oğuz Göksel, Englisch-Dozent und Fotograf, hat diese Frage nicht losgelassen. Er streift abendlich mit seiner Kamera durch Istanbul, um sie und ihr Leben zu fotografieren. Es sind Flüchtlinge aus Syrien, die es in den Aufnahmelagern an der Grenze zu Syrien nicht aushielten, die zu Tausenden aufbrachen, um ein Stück Leben in Istanbul zu finden und es seither nicht fanden. 

Der Mensch ist nicht geboren, um in Lagern zu leben. Seit Urzeiten sind Menschen zu neuen Ufern aufgebrochen, wenn die alten keine Perspektive mehr boten. Die Syrer auf den Straßen Istanbuls haben keine Heimat mehr, ihr Land ist vom Krieg zerstört, ihre Gesellschaft ist zerfallen. Sie sind der Kollateralschaden eines Stellvertreterkrieg, der auf ihrem Boden geführt wird und ihnen den Boden unter den Füßen wegriss. Sie sind Gefallene, die niemand auffing und die deshalb aus eigener Kraft aufbrachen.

 

Ihr Aufbruch endet in Istanbul. Weiter können sie nicht ziehen. Denn die Länder der europäischen Union haben sich abgeschottet und ein Bollwerk gegen Flüchtlinge errichtet. Es richtet sich gegen sie, die vor Krieg, Vernichtung und Elend fliegen und kann nur von wenigen überwunden werden.

 

Die Syrer auf den Straßen Istanbuls sind Menschen unter Menschen ohne Menschenrechte. Sie werden geduldet unter der Maßgabe der unausgesprochenen Pflicht, nur so viel aufzufallen, wie es für ihr Überleben unabdingbar ist. Eine Generation syrischer Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener wächst so auf den Straßen auf, ohne jeden Kontakt zu Bildung und medizinischer Versorgung auf. Ohne Plan, ohne Perspektive, ohne Hoffnung und ohne Zukunft. Was wird aus ihnen werden?

 

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       Bild: Ümit Oğuz Göksel

 

Ümit Oğuz Göksel ist zu der Überzeugung gelangt, dass nicht nur den Flüchtlingen, sondern ebenso der türkischen Regierung und der internationalen Gemeinschaft und den Hilfsorganisationen ein Plan fehlt. Die Kinder, Frauen und Männer aus Syrien auf den Straßen Istanbuls existieren nur für sich selbst, für niemanden sonst. Es gibt für sie keine Solidarität der internationalen Gemeinschaft. Diese bleibt maximal auf die Bereitstellung riesiger Flüchtlingslager begrenzt, in die Menschen hineingesteckt, mit dem Notwendigsten versorgt und sich selbst überlassen werden.

 

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       Bild: Ümit Oğuz Göksel

 

Die türkische Regierung fokussiert sich auf die Darstellung ihrer Wohltaten. Fraglos ist es wahr, dass die Türkei fast 2 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat. Dies ist sogar nur die Anzahl der offiziell registrieren Flüchtlinge. Im Vergleich: Die weitaus reichere Bundesrepublik Deutschland hat seit 2011 lediglich 40000 Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, die USA sogar weniger als 1000. Heute beherbergt die Türkei mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge in Europa. Die Länder der europäischen Union und der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft haben kläglich versagt. Sie zerstörten die Gesellschaft des Irak, bombardierten Libyen in die gesellschaftliche Steinzeit und haben – übrigens durchaus im Bündnis mit der Erdogan-Regierung - dazu beigetragen, in Syrien dem islamischen Staat (IS, ISIS) zum Aufstieg zu verhelfen und die größte Flüchtlingskatastrophe der Gegenwart zu erzeugen. Anders als die Erdogan-Regierung waren sie aber nicht einmal bereit, die resultierenden Flüchtlinge in ihre Länder zu lassen. Sie liefern zwar weiterhin Waffen, aber diejenigen, die vor den Kriegen und Bürgerkriegen fliehen, versuchen sie mit allen Mitteln von ihren Staatsgebieten fernzuhalten. Die Verantwortung für die Flüchtlinge delegieren die westlichen Staaten an andere Staaten, wie den Libanon oder auch an die Türkei, die ihre Grenzen öffneten, während die Länder der westeuropäischen Union einen eisernen Vorhang der Flüchtlingsabwehr aufbauten und das Mittelmeer zum Massengrab für abertausende Frauen, Männer und Kinder werden ließen.

 

Hätten der Libanon und die Türkei ihre Grenzen nicht geöffnet, die humanitäre Katastrophe hätte sich ins Unermessliche gesteigert. Aber die Öffnung von Grenzen – so sehr sie aus humanitären Gründen unverzichtbar ist - genügt nicht, wenn Menschen keine erkennbaren Aussichten haben, in ihre Heimat zurückzukehren. Auf den Straßen Istanbuls wird diese Tragik Tag für Tag deutlich.

 

Soeben sind die Verhandlungen über eine minimale Aufnahmebereitschaft und Verteilung von Flüchtlingen auf die verschiedenen Länder der europäischen Gemeinschaft gescheitert. Die reichsten Länder der Welt, unter ihnen die Bundesrepublik Deutschland, nehmen die geringste Anzahl an Flüchtlingen auf. Dabei soll es bleiben - und deshalb werden weiterhin auf den Straßen Istanbuls syrische Kinder, Frauen und Männer ohne Aussicht auf eine andere Zukunft und abseits von Bildung und medizinischer Versorgung um ihre bloßes Überleben kämpfen. Sie aufzunehmen und ihnen eine Perspektive zu bieten, wäre moralische Pflicht. Aber in Wirklichkeit - das zeigen die Bilder von Ümit Oğuz Göksel eindringlich - gibt es keine internationale Gemeinschaft, die diesen Namen verdient, und keine Wertegemeinschaft, deren Wert nicht der Egoismus wäre.

 

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       Bild: Ümit Oğuz Göksel

 

Wir können auf dem Mond und auf den Mars fliegen, aber Menschen, die vor Krieg fliehen und alles verloren haben, keine neue Heimat geben? Ümit Oğuz Göksel möchte dies nicht hinnehmen. Er möchte den Gesichtslosen ein Gesicht geben. Er möchte, dass diese Menschen gehört werden und ihnen eine Zukunft ermöglicht wird. Er möchte sie aus dem Verborgenen in das Licht der Öffentlichkeit rücken. Dafür zieht er abends durch die Straßen Istanbuls und fotografiert - in der Hoffnung, dass die internationale Gemeinschaft seine Fotos sehen und aufwachen wird.

 

Die überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge aus Syrien lebt im Libanon, in Jordanien oder in der Türkei. Aber die Verantwortung für sie tragen wir alle, jedenfalls solange für uns die Werte von Menschlichkeit nicht Lippenbekenntnisse sind. Die Syrer auf den Straßen Istanbuls brauchen nicht unsere Almosen, sondern unsere Solidarität. Ob sie jemals zurückkehren können, ist ungewiss. Es kann daher nicht um Rückkehr, sondern nur um Integration gehen, die nicht auf Duldung, sondern nur auf Rechten beruhen kann. Libanon, Jordanien und auch die Türkei können diese Integrationsleistung nicht alleine erbringen. Die reichen Staaten Westeuropas, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland sind vorrangig in der Pflicht, diesen Menschen aus Syrien und ihren Familien eine neue Heimat zu bieten. Die Türkei ist in der Pflicht, sich nicht hinter ihrer großzügigen Aufnahmepolitik zu verstecken und sich hiermit zu brüsten, sondern internationale Unterstützung einzufordern.

 

Denjenigen, die die Grenzen Westeuropas weiter geschlossen halten wollen, sei die Betrachtung der Fotos von Ümit Oğuz Göksel ans Herz gelegt - denn das, was sie dort sehen, erwächst aus ihren versteinerten Herzen.

 

Guido F. Gebauer und Seksan Ammawat sprachen mit Ümit Oğuz Göksel am 13.06.2015 in Istanbul. Es soll eine Ausstellungsreihe mit den Fotos von Ümit Oğuz Göksel in deutschen Städten organisiert werden. Interessenten und Unterstützer sind herzlich willkommen und melden sich bitte bei gebauer@gleichklang.de

 

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            Bild: Ümit Oğuz Göksel

 

 

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Kommentar von Karin Friedrich |

Ich finde es beschämend, wie die EU mit Flüchtlingen umgeht. Als NATO-Mitgliedsstaat haben wir mit dafür gesorgt, dass Welt dieser Menschen aus den Fugen geraten ist. Wir liefern weiter Waffen! mit Krieg lässt sich viel Geld verdienen!
Ich bin Rentnerin und lebe in einem Dorf bei Berlin. Wir haben 5 Flüchtlingsfamilien aus Syrien, Tschetschenien und Pakistan bei uns aufgenommen. Sie leben in eigenen Wohnungen , die Kinder gehen in den Kindergarten und in die Schule. Den Erwachsenen gebe ich ehrenamtlich Unterricht in der deutschen Sprache. Da ich inzwischen auch privat Kontakt zu einer der syrischen Familien (3 Generationen) habe, erfahre ich nach und nach Details ihrer Flucht über die Türkei durch Südosteuropa, die wir uns in unseremsatten Deutschland nicht einmal vorstellen können. Diese Menschen wollen einfach nur erst einmal zur Ruhe kommen und sind doch schon wieder von Abschiebung bedroht! Es ist ein Skandal!

Kommentar von Beate Hellmann |

Es ist gut das Herr Ümit Oğuz Göksel diese Bilder macht und veröffentlicht,
es ist wirklich beschämend, was diese Menschen erdulden müssen
und es tut sehr weh, das hilflos mit Ansehen zu müssen
-- meine Hoffnung ist Nam Myoho Rengen Kyo zu chanten, um einen Weg zu finde, das Leid zu nehmen.

Kommentar von Brand-dersen |

Wie können wir nur ruhig schlafen im Angesicht dieses Elends und der Not, in der sich diese unschuldigen Menschen befinden. Gibt es nicht eine Möglichkeit eine Art private Patenschaft in Deutschland zu übernehmen, die den Menschen ermöglicht, hier einzuwandern? Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen gibt, die gerne helfen würden!

Kommentar von conny schmidt |

Ja,es ist beschämend .Soetwas zu sehen.Ich finde es gut ,wenn Menschen wie Hr Gögsel dies... mehr in die Öffentlichkeit bringt.
Leider gibt es auch noch viele andere Ungerechtigkeiten auf dieser Welt>.Menschen gegenüber.Dies hier ist nur ein Teil davon.

Aber super, weiter so Hr Gögsel.Schreiben Sie weiter ,was auf der Welt ,da draußen für Ungerechtigeiten passieren.
Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Erfolg dabei.
ES ist schön zu sehen daß es Menschen gibt,die sich für Schicksale anderer annehmen.
Im übrigen sehr.. gute.. Bilder.Herzliche Grüße Conny

Kommentar von Johannes Hauser |

I admire your engagement and work. Please go ahead !

Kommentar von M. H. |

Den Kommentar von Brand-dersen vom 28.6. unterstütze ich. Ich würde gerne jemand aufnehmen. In solch einem Fall wäre ich sogar bereit, einen Flüchtling zu heiraten, damit das klappt!

Kommentar von Juliane Guerrero |

Es sollte endlich so Poiltik gemacht werden, als würde n die Verantwortlichen Machthaber der westlichewn Welt schon jetzt in den Geschichtsbüchern unserer Kindeskinder lesen können. Ihnen würde bewusst werden, dass sie Chancen haben, wieder gut zu machen, was sie versäumen. JETZT!!!!

Kommentar von Irmgard Neuner |

Danke für die Informationen