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Siegesillusionen im Anti-Terror-Krieg: Scheinerfolge verstellen den Blick auf die Realität

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Selbst sein Kopf wäre kein Sieg (Bild: thierry ehrmann)

Den USA ist ein „weiterer bedeutender Schlag gegen die Terrormiliz ISIS gelungen“, dies gab jedenfalls der US-Verteidigungsminister Ashton Carter bekannt.

 

Der IS-Befehlshaber Abu Sayyaf ist demnach in Syrien durch US-amerikanische Spezialkräfte getötet worden. Seine Ehefrau sei festgenommen worden und werde im Irak verhört werden. Abu Sayak habe die Öl- und Gasgeschäfte der ISIS geleitet und sei ebenfalls für Militäraktionen der Terrorgruppe zuständig gewesen. Den Befehl zum Einsatz habe US-Präsident Barak Obama persönlich erteilt.

 

Der Einsatz und seine Lobpreisung als weiterer bedeutsamer Schlag gegen den Terror, weist auf die Fortdauer einer illusionären Strategie hin, durch Tötungen von Einzelpersonen den Krieg gegen den Terror gewinnen zu wollen. Diese Strategie, die durch die Obama Administration in Form einer Eskalation von Drohnentötungen massiv ausgedehnt wurde, vermittelt den Eindruck von fortgesetzten Erfolgen und Siegen, die mit den militärischen Realitäten wenig zu tun haben.

 

Während die USA durch Drohneneinsätze tausende Menschen weltweit erfolgreich exekutieren ließen, entstand der islamische Staat (IS, ISIS, ISIL), breitete sich flutartig aus und beherrscht nach wie vor, trotz aller Luftschläge seitens der USA, ein Drittel Syriens und große Teil des Irak. Gleichzeitig hat er seine Aktivitäten in Jemen und in Afrika ausgedehnt. Er hat in Libyen an Präsenz gewonnen und hat zwischenzeitlich Loyalitätserklärungen von Terrorgruppen aus Somalia, Nigeria, Algerien, Afghanistan, Mali, ja sogar aus Indonesien erhalten.

 

Für jeden getöteten Terroristen steht ein Nachfolger bereits bereit. Jeder getötete Zivilist verstärkt die Ablehnung der einheimischen Bevölkerung gegenüber der westlichen Staatengemeinschaft. Guantanamo, Abu Ghraib und die Drohnen haben so ein Rekrutierungspotential für den islamistischen Terrorismus geschaffen, welches auch durch Einsätze gegen Spitzenfunktionäre der ISIS, wie Abu Sayyaf, nicht geschmälert werden kann.

 

Der Aufstieg des islamischen Staates erfolgte während des Krieges gegen den Terror und unter den Augen der weltweiten Überwachung durch NSA & Co, die angeblich der Terrorbekämpfung dient. Dieser Aufstieg belegt die Wirkungslosigkeit und des Scheitern der US-Strategie.

 

Töten, Vernichten und Überwachen haben im Handeln der USA den Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen ersetzt, so dass dieser und damit der eigentlich entscheidende Kampf vermehrt durch die Terroristen des islamischen Staates und andere Dschihadisten gewonnen werden konnte.

 

Gleichzeitig hat die westliche Staatengemeinschaft durch ihre Kriege im Irak und in Libyen und durch ihre Forcierung eines bewaffneten Kampfes in Syrien das Menschenmögliche getan, um die Gegner des dschihadistischen Terrorismus zu schwächen und so den Siegeszug des islamischen Staates und anderer islamistischer Bewegungen zu ermöglichen. Diese Politik der westlichen Staatengemeinschaft hat Syrien und den Irak in die ISIS-Katastrophe gestürzt

 

Im Bündnis mit Saudi-Arabien und den anderen Golfmonarchien wurden ganze Regionen im Nahen Osten und in Nordafrika mit Waffen überschwemmt, die direkt oder indirekt in die Hände des islamistischen Fundamentalismus gelangten. Die Finanzierung islamistischer Terrorbewegungen durch Spender aus den Golf-Staaten wurde solange hingenommen, bis der islamische Staat sich die Möglichkeit zur Eigen-Finanzierung seiner Aktivitäten u.a. durch den Öl- und Gashandel erschlossen hatte.

 

Man glaubte wohl, die islamistischen Dschihadisten für die Schwächung missliebiger Regime, wie dem in Syrien, instrumentalisieren zu können, verkannte aber, welche Folgen eine solche Strategie bereits in Afghanistan hatte und wollte nicht sehen, dass man letztlich dabei war, Bewegungen, wie dem islamischen Staat, zur Macht zu verhelfen. Nun wird man die Geister nicht los, die man rief.

 

Anstatt alles an eine gerechte Friedenslösung im Nahost-Konflikt, die Einhaltung von Menschenrechten durch verbündete Regime, wie die Regierung des Irak, und eine Kompromisslösung in Syrien unter Beteiligung Assads und der nicht-dschihadistsichen Opposition zu setzen, hat sich die westliche Staatengemeinschaft auf ein immer engeres Bündnis mit den korrupten und brutalen Golf-Monarchien zurückgezogen. Diese verbreiten ihrerseits weltweit einen fundamentalistischen Islam, der sich allerdings in Form von al-Qaida und islamischem Staat nunmehr gegen sie selbst und ihre Bündnispartner richtet, auch weil sie mit ihrer endlosen Korruption den eigenen Grundsätzen zu eklatant widersprechen und damit bei den durch sie selbst gezüchteten Islamisten auf Widerspruch stoßen.

 

Gemeinsam mit diesen Golf-Staaten und einem Bündnis mit illustren menschenschindenden Regimen, wie dem Sudan, führt nunmehr de facto auch die westliche Staatengemeinschaft Krieg im Jemen und nimmt dabei mit den Huthis ausgerechnet jene Kräfte ins Visier, die als die Hauptgegner der al-Qaida im Jemen bekannt sind und auf die al-Qaida daher einen Goldpreis für ihre Ergreifung oder Tötung ausgesetzt hat. Erwartungsgemäß hat al-Qaida seither seinen Einfluss im Jemen erheblich ausdehnen können und erscheint derzeit als der eigentliche Gewinner dieses Krieges, der das ärmste Land der arabischen Welt endgültig zur Freude von al-Qaida und Islamischem Staat, in einen failed state zu verwandeln droht.

 

Die Jubelmeldung über den neuerlichen bedeutenden weiteren Erfolg der USA in der Terrorbekämpfung, die der US-Verteidigungsminister verkündete, fand übrigens nahezu zeitgleich statt mit einer Einnahme wesentlicher Teile der syrischen Stadt Palmyra durch den islamischen Staat, wodurch ein einzigartiges Weltkulturerbe bedroht wird, wie auch mit substantiellen Erfolgen des islamischen Staates bei der Rückeroberung der irakischen Stadt Ramadi.

 

Wenn die USA und mit ihnen die westliche Staatengemeinschaft nicht rasch ihren Kurs ändern sollten, steht zu befürchten, dass sie bei anhaltenden Schein-Erfolgen in ihrem Krieg gegen den Terror diesen Krieg in weiten Teilen des Nahen Ostens und Nordafrikas tatsächlich endgültig verlieren werden. Im Ergebnis könnte ein islamischer Terrorstaat in mehreren Ländern als Dauereinrichtung entstehen, der nicht nur die durch ihn beherrschte Bevölkerung unterjochen, sondern alle Länder der Welt durch Terrorexport fortwährend bedrohen würde.

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