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Vietnam erinnert: ISIS-Verbrechen kein Anlass für westliche Überlegenheitsgefühle

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Bilder im War Remnants Museum in Vietnam zeigen mit dem ISIS vergleichbare Grausamkeiten

War Remnants Museum in Ho-Chi-Minh-City

 

Vor wenigen Tagen besuchte der Verfasser dieses Artikels das War Remnants Museum in Ho-Chi-Minh-City in Vietnam. Die dort dokumentierten Grausamkeiten, von denen hier einige Fotos (selbst fotografiert) gezeigt werden, weisen erschütternde Parallelen zu den aktuellen Verhaltensweisen des islamischen Staates (ISIS, IS) in Syrien, Irak, Libyen, Jemen und anderswo auf. Diese Schlussfolgerung drängte sich dem Verfasser jedenfalls beim Besuch des Museums unmittelbar auf.

 

Während sich die westlichen Staaten (und mit ihnen fast die ganze Welt) zurecht in Abscheu und Empörung über die Kriegsverbrechen des islamischen Staates (ISIS, IS) erregen, blenden wir allzu gerne aus, dass die eigenen Kriege eine vergleichbare Art von Grausamkeit zu beinhalten pflegen. Dies betrifft nicht nur den Vietnam-Krieg - erinnern wir uns, dass im letzten Irak-Krieg tausende irakische Soldaten, auch wenn sie sich ergeben wollten, unter durch über sie geschobenem Sand lebendig begraben wurden. Ihr Tod war sicherlich nicht weniger leidvoll als der Tod derjenigen, die jetzt durch den islamischen Staat - oder auch durch das mit den westlichen Staaten verbündete Saudi-Arabien - enthauptet werden.

 

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Menschen wurden durch das US-Militär in Vietnam hinter fahrenden Militärfahrzeugen hergeschleift, auch dies sehen wir heute beim islamischen Staat. Ist es nicht die gleiche Verrohung, die das Leid des anderen als Spektakel genießt? Im Namen der westlichen Demokratie wurden diese Verbrechen begangen - im Namen des Islam wiederholt es sich heute in Syrien, Irak und Libyen. Die Rechtfertigungen variieren, die Struktur ist vergleichbar.

 

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Hilflos kniet ein Mensch vor seinem US-Peiniger, der seine Macht mit dem auf ihn gerichteten Messer demonstriert. Ähnliches dürften die vor Vertretern des islamischen Staates knienden Geiseln erleben. Die totale Machtausübung über Menschenleben ist das Bindeglied zwischen beiden Vorfällen.

 

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Die Folterungen durch US-Soldaten und Vertreter des südvietnamesischen Vasallenregimes erinnern an die Handlungsweisen der roten Khymer in Kambodscha. Der Mensch wurde zum reinen Objekt, mit dem nach Belieben verfahren werden konnte. So handhabten es im übrigen auch die Folterer im Rahmen des durch George W. Bush initialisierten Renditions-Programmes. Genauso als reine Objekte ihrer Ziele betrachten Vertreter des islamischen Staates all diejenigen, die sie als Ungläubige verachten. Dem Gegner wird die Menschlichkeit abgesprochen.

 

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Der Vietnam-Krieg machte vor Kindern nicht halt. Die Zivilbevölkerung wurde nicht geschont. Auch heute im - auch durch westliche Staaten und die Golfmonarchien mit entfachtem - syrischen Bürgerkrieg oder im durch den Westen unterstützen saudischen Bombenkrieg im Jemen bleiben Zivilisten nicht verschont. Versuchen die Menschen, aus solchen Katastrophen zu entfliehen, stoßen sie auf ein sich abschottendes Europa, welches ihnen die Landwege weitgehend versperrt hat. Den Weg über das Meer müssen die Menschen wählen, die großteils nicht einmal schwimmen können - so wie der dreijährige Aylan, der gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder den Tod fand. Sein Tod erschüttert derzeit die Welt, aber Europa hält seine Abschottung bei. Der islamische Staat in Libyen ließ christliche Flüchtlinge aus Äthiopien ermorden, das christliche Westeuropa lässt christliche wie muslimische Flüchtlinge ertrinken - Männer, Frauen und Kinder. Haben wir das Recht, unsere Hände in Unschuld zu waschen?

 

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Den Menschen wurden durch Bomben und Napalm schwerste Verbrennungen zugefügt.

 

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Der durch den islamischen Staat verbrannte jordanische Pilot hat ein vergleichbares Schicksal erlebt, dies gilt auch für die Opfer der Fassbomben des syrischen Regimes.

 

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Hier posierten US-Soldaten mit den Köpfen enthaupteter Vietnamesen für die Kamera. Sie waren stolz auf ihre Taten und hatten keinerlei Bestrafung zu befürchten – erneut eine Parallele zu den heutigen Untaten des islamischen Staates.

 

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Ein Opfer wird entsorgt.

 

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Die USA verstanden und verstehen sich trotz aller Trennung von Staat und Kirche als ein christliches Land. Pfarrer und Pastoren spielten eine prominente Rolle, um im Vietnam-Krieg die Soldaten in ihrem Tun zu bestärken und im Namen Gottes Zweifel am Krieg zu beseitigen. Sie mordeten für das Heimatland, für Demokratie und Christentum. Ist der Unterschied zwischen diesen Pfarrern und Pastoren und muslimischen Predigern, die heute den Kämpfern des islamischen Staates den Rücken stärken, wirklich so groß?

 

 

Resümee

 

Es hätten noch bei weitem mehr Bilder von Grausamkeiten aus dem Vietnam-Krieg hier eingestellt werden können. Aber die wenigen gezeigten Bilder genügen, um zu verdeutlichen, dass es für westliche Selbstgerechtigkeit im Umgang mit dem ISIS-Terror keine Veranlassung gibt.

 

Die Grausamkeiten des islamischen Staates sind nicht einzigartig. Sie sind lediglich ein weiteres Beispiel dafür, wie Fanatismus und der Anspruch auf eigene Überlegenheit jedwede Menschlichkeit außer Kraft setzen kann. Die Brutalität des islamischen Staates sollte nicht zur narzisstischen Selbstbeweihräucherung, für machtstrategische Zwecke oder für die Verbreitung islamophoben Fanatismus missbraucht werden. Zu wünschen wäre stattdessen eine Besinnung auf die universalen Werte der Menschlichkeit, die sich - neben all der Grausamkeit und Brutalität - ebenfalls in allen Kulturen und Religionen finden.

 

Eine solche Besinnung auf die Werte der Menschlichkeit würde mit konkreten politischen Handlungsaufträgen auch für die westliche Staatengemeinschaft einhergehen:

 

  • Beendigung der Abschottung der westlichen Staatengemeinschaft gegenüber den Flüchtlingen und Aufnahme aller Flüchtlinge, einschließlich der Bereitstellung sicherer Fluchtwege – wer die Opfer im Stich lässt, ist Mittäter.

     

  • Ausrichtung der eigenen Politik auf die Menschenrechte, ohne aus machtstrategischen Gründen Menschenrechtsverletzungen verbündeter Staaten, wie von Saudi-Arabien oder Ägypten, weiterhin hinzunehmen, Beseitigung von Menschenrechtsverletzungen in den eigenen Staatsgebieten.

     

  • Arbeit an einer Kompromisslösung unter Einschluss aller direkt oder mittelbar Beteiligten (friedliche und bewaffnete Oppositionskräfte, Assad-Regierung, Hisbollah, westliche Staatengemeinschaft, Iran, Golf-Monarchien, Russland) – außer der ISIS und mit dieser vergleichbarer islamistischer Extremisten – um zu einer Friedenslösung in Syrien zu gelangen. Denn jeder Tag, an dem dieser Krieg fortgesetzt wird, ist ein weiteres Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Lieber mit dem Teufel in einer Regierung sitzen und ihm Straverschonung gewähren, als weitere Hunderttausende sterben und das Land am Ende dem islamischen Staat für einen Völkermord zu übergeben. Sofortige Beendigung der Unterstützung des bewaffneten Kampfes gegen Assad durch die westliche Staatengemeinschaft. Die hunderttausenden Toten und Millionen Vertrieben, die diesem Bürgerkrieg bereits zum Opfer fielen, sind durch kein Streben nach Freiheit und Demokratie zu rechtfertigen. Der Übergang vom friedlichen Widerstand zum bewaffneten Kampf gegen Assad war selbst ein Verbrechen, welches die verbrecherische Energie Assads nicht hemmte, sondern erst zur Explosion brachte.

     

  • Sofortige Beendigung der Unterstützung des Bombenkrieges unter Führung Saudi-Arabiens im Jemen, der zu einer humanitären Notlage geführt hat und in dessen Windschatten al-Qaida und islamischer Staat (ISIS) derzeit im Jemen einen Aufschwung erleben.

     

  • Globale Rückkehr zu Diplomatie und Wandel durch Annäherung bei Beendigung der gescheiterten Strategie der gewaltsamen Regimewechsel durch direkte Intervention (Irak, Libyen) oder Unterstützung eines bewaffneten Aufstandes (Syrien), die allzu oft nicht zur Demokratie führt, sondern Öl in das Feuer bestehender Konflikte gießt und prekäre Menschenrechtslagen in humanitäre Katastrophen verwandeln kann.



Das wohlhabende Europa lässt tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken und hält an einer Politik der Abschottung gegenüber Flüchtlingen fest. Es hat einen Todesstreifen um sich gezogen und baut Mauern und Zäune der Flüchtlingsabwehr. Es lässt es zu, dass gegenüber verzweifelten Flüchtlingen mit Tränengas, Knüppeln und Blendgranaten vorgegangen wird. Für die Konflikte und Krisen in der Welt trägt auch dieses Europa direkte oder mittelbare Mitverantwortung, wobei der Waffenhandel europäischer Staaten sogar auf Rekordniveau floriert. Solange dies so weitergeht, ist unsere eigene moralische Überlegenheit gegenüber dem islamischen Staat durchaus fragwürdig, woran auch die Bilder aus dem Vietnam-Krieg eindringlich erinnern. Dies ist bitter, aber wahr.



Verfasser: Guido F. Gebauer

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Kommentar von Gabi Dietl |

Kein Mensch kann die Welt retten. Jeder kann aber sich selbst verändern- das verwirklichen in seinem Leben, was er für wert hält. Ich versuche es nach besten Kräften. Wenn jeder sich nur ein weinig ändert, eigene Aggressionen abbaut, Frieden stiftet, dann ändert sich die Welt.