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Französische ISIS-Geisel: Stimme der Vernunft und Menschlichkeit

(Kommentare: 3)

Nicolas Hénin ruft zu Aussöhnung auf
(Bild Twitter-Account Nicolas Hénin)

Der Franzose Nicolas Hénin wurde 10 Monate von der ISIS in Syrien gefangengehalten. Er hat Denkwürdiges zu berichten:

 

"Flüchtlinge willkommen zu heißen, ist keine Terror-Bedrohung für unsere Länder dar. Es ist im Gegenteil wie ein Impfstoff, der uns vor dem Terrorismus beschützen kann. Denn je mehr Interaktionen zwischen den Gesellschaften und Gemeinschaften gibt, desto weniger Spannungen wird es geben. Der Islamische Staat glaubt an eine globale Konfrontation. Was sie letztlich wollen, ist Bürgerkrieg in unseren Ländern, oder zumindest weitreichende Unruhen und einen großangelegten Krieg im Nahen Osten. Das ist es, was sie wollen. Das ist es, wofür sie kämpfen. Wir müssen deshalb ihre Erzählung zerstören und Flüchtlinge willkommen heißen. Das ist die totale Zerstörung ihrer Erzählung.“

 

Die ISIS lebt von dem Bild eines aggressiven anti-muslimischen Westens, der einen Kreuzzug gegen Muslime führe. Nicolas Hénin zeigt auf, wie die ISIS zum Beleg für ihre These das Internet und die sozialen Netzwerke durchscannt und sie gleichzeitig hocheffektiv zur Rekrutierung weiterer Terroristen einsetzt.

 

Jeder Angriff auf Muslime, jede brennende Moschee, jedes spezifisch gegen Muslime gerichtete Gesetz, jedes in Flammen stehende Asylbewerberheim, jeder Tote im Mittelmeer und jeder unter menschenunwürdigen Bedingungen internierte oder gar in sein Verderben abgeschobener Flüchting wirken sich wie Brandbeschleuniger auf die Rekrutierungs- und Vernichtungsmaschinerie der ISIS aus.

 

Was die ISIS braucht, ist eine egoistische und anti-muslimische nicht-muslimische Welt, die dem Leid der Menschen den Rücken kehrt und das Leben von Muslimen geringschätzt. Niemand hat dies bisher besser und überzeugender beschreiben können als Nicolas Hénin.

 

Die de-facto Verbündeten der ISIS in Europa sind damit die fremdenfeindlichen Rechtspopulisten, die auf Abschottung setzenden Regierungen und ihre Vollzugs-Behörden. Sie liefern der ISIS Argumente, tragen zur Ausgrenzung und Entfremdung muslimischer Menschen bei und unterhöhlen die Werte von Menschenrechten und Solidarität. So treiben sie den islamistischen Terroristen neue Anhänger zu und gießen Öl in die bereits brennenden Flammen.

 

In Ansbach scheint ein verantwortungslos auf Abschiebung setzendes Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erst den Auslöser zum Attentat erzeugt zu haben. Weil diese Praxis aber den politischen Vorgaben entsprach, ist seither von Aufklärung keine Spur. Im Gegenteil, über eine verschärfte Abschottungs- und Abschiebepolitik droht der Teufelskreis noch weiter in Schwung gebracht zu werden.

 

So wie Islamisten von Fremdenfeindlichkeit und Islamhass profitieren, profitieren die Fremdenfeinde und Rechtspopulisten von jedem Terroranschlag. Regierungen und Behörden haben sich aber europaweit von den Rechtspopulisten voran treiben lassen, die in Wirklichkeit selbst eine erschreckende psychologische Nähe zu den Islamisten zeigen. Die Maßstäbe von Vernunft und Menschlichkeit haben sie hinter sich gelassen. Auch dies wird die ISIS erfreuen. 

 

Dabei gäbe es einen einfachen und klaren Weg, um der ISIS ihre verdiente Niederlage zu bereiten:

 

Weltweite Solidarität, Aufnahme aller Flüchtlinge, entschlosenes Eintreten für Gleichberechtigung und gegen jede Form der Diskrimierung, materielle Wiedergutmachung für die im Nahen Osten verursachten Schäden - würde dieser Weg eingeschlagen,  die dauerhafte Niederlage der ISIS wäre unaufhaltsam.

 

Folgen wir aber dem Haudrauf-Geschrei der Abschotter und ihrer Verklärung von Menschenverachtung als notwendige Härte, wird die Chance auf Frieden und Aussöhnung verspielt. 

 

Nicolas Hénin war Geisel der ISIS und hat Fürchterliches erlebt. Heute steht er für eine Politik der Aussöhnung, gegen Revanche und schädliche Härte. Er ist die Stimme der Menschlichkeit, Klugheit und Besonnenheit, die wir brauchen und die noch viel lauter erschallen muss, um der fehlgeleiteten Politik der Abschottung und Militarisierung Einhalt zu gebieten. Denn nur so kann die ISIS besiegt werden. 

 

Verfasser: Guido F. Gebauer, Psychologe, Rechtspsychologe, Studium an den Universitäten Trier, Humboldt-Universität zu Berlin und University of Cambridge (UK), Promotion an der University of Cambridge, 10 jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter, arbeitet jetzt für die Kennenlern-Plattform Gleichklang.de und schreibt regelmäßig auf menschenrechte.eu und vegan.eu.

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Kommentar von Andreas |

Es freut mich einen Artikel zu lesen, der Kooperation und Solidarität betont, und sich mit der Verteufelung der wenig vernünftigen Parteien zurückhält!

Der industrialisierte Westen hat mit dem neoliberalen Denken seit 1989 massive Schwierigkeiten für immer mehr Menschen in seinen eigenen Gefilden erschaffen, die zunehmende Unzufriedenheit und Unmut erzeugten und das Feld für neue totalitäre Regime vor allem durch Spaltung, Segregation, Separation, Exklusion, Isolation, Stigmatisierung, Diskreditierung, Diskriminierung und Prekarisierung in Europa und den USA schufen. Ich bin der Ansicht, dass man mit all jenen, die vom System durch Hartz IV, Altersarmut, Altersheime, Bildungssystem, Gesundheitssystem etc. entpersonalisiert wurden, vor allem mitfühlend in Resonanz (Hartmut Rosa) gehen sollte und sie adäquat in deren Kontext beantworten sollte. Das monetäre Argument ist bekanntlich leer, weil für vieles andere wie betrügerische Software und Schuldzahlungen an die Geschädigten, Rettung krimineller Banken etc. jede Menge Geld da ist, z. B. auch jetzt Millionen für neue Sturmgewehre! Und ebenso sollte man für all jene, die sich in der Angstspirale vor dieser Entpersonalisierung befinden, Verständnis aufbringen, und sie mit Achtung, Respekt und Anerkennung ansehen und mit ihnen zusammen das System so ändern, dass diese Angstspirale sich auflösen kann und unnötig wird.

Al-Qaida und der Islamische Staat sind direkte Konsequenzen der Interventionen des Westens im Mittleren und Nahen Osten. Je mehr wir in dieser Richtung, des Kriegs gegen den Terror, den wir selbst erzeugten, weitermachen, umso mehr entwickelt sich die Eskalationsspirale weiter und dann werden nicht nur ein paar lokale Bomben hochgehen, der Cyberwar wird weit mehr kosten und auch weit mehr Opfer in der Bevölkerung fordern. Je mehr die IS bekriegt wurde, umso mehr wuchs sie an. Daher ist es absolut richtig, das, was den Krieg schuf, zu eliminieren: unsere eigene Menschenverachtung, Egoismus, Geld- und Machtgier und Rücksichtslosigkeit. Es ist kein Wunder, dass das Bundesland mit der größten Ausländer-Feindseligkeit dasjenige ist, in dem die wenigsten Ausländer leben. Am effektivsten projiziert man seinen berechtigten Groll, wenn man ihn an jenen, die ihn verursachten, nicht los wird, auf etwas, was man nicht kennt. Deshalb ist Kennenlernen und Inklusion des Islam und der Flüchtlinge, die Wahl für Frieden im Land. Und dies auch, weil in einem komplexen System nur Vielfalt (zusammen mit Vernetzung und Werten und Erregung) gegenüber einer sich immer schneller ändernden Umwelt das Weiterbestehen des Systems sicherstellt. Hinzu kommt, dass viele der Flüchtlinge, wenn wir ihnen hier eine Ausbildung schenken, in ihr eigenes Land zurückgehen werden und es wieder aufbauen können, und uns in zwar schuldiger aber auch wortwörtlich ver-antwort-lich hilfreicher Erinnerung behalten werden, was den Regenerationsprozess gegenüber dem Westen als Täter, der wir sind, beschleunigen wird.

Kommentar von Peter Silbereisen |

Danke & weiter so !

Kommentar von Anna |

Aiman Mazyek hat auf Twitter geschrieben "Gestalten statt spalten." Nur bekommt man, wenn man die Gesellschaft spaltet, leichter Anhänger. Das haben die Rechtspopulisten hierzulande sehr gut verstanden.