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Ai Weiwei: Chinesische Stimme gegen europäische Gewissenlosigkeit

(Kommentare: 2)

Ai Weiwei (Bild: Public Domain)

Massensterben an Europas Grenzen - der chinesische Künstler Ai Weiwei widmet sich diesem Thema in bewegenden Installationen. Er hält Europa einen Spiegel vor, den dieses sonst lieber anderen Regionen und Staaten vorhalten lässt. Damit stellt er gleichzeitig unter Beweis, dass sein Einsatz für die Menschenrechte tatsächlich universal ist.

- In Lesbos imitierte Ai Weiwei den toten Körper des syrischen Jungen  Alan Kurdi, der für den Tod unzähliger anderer Kinder, Frauen und Männer steht, die im Meer ertrinken, weil die europäischen Staaten ihre Rettung nicht als Priorität betrachten.

- In Berlin befestigte Ali Weiwei 14,000 Rettungswesten am Berliner Konzerthaus, verstörendes Symbol für ein Europa, welches das Massensterben per Sattelit beobachten lässt, den fliehenden Menschen aber keine Rettungswesten, sondern Abschottung und Stacheldraht entgegenwirft.

- In Dänemark schloss Ai Weiwei seine Ausstellung im Protest gegen ein Raubgesetz des dänischen Parlamentes, welches den Flüchtlingen, die oftmals mit wenig mehr als ihrem Leben fliehen konnten, ihre letzten dennoch geretteten Besitztümer nimmt. Geplündert werden ausgerechnet diejenigen, die  durch Bombenhagel, Vertreibung und Plünderung ihrer vorherigen materiellen Existenz entrissen wurden.

Ai Weiwei wurde früher von westlichen Medien und Politikern mit höchstem Lob bedacht. Nun zeigt er eindrucksvoll, dass er dieses Lob verdient und Menschenrechte für ihn keine propagandistische Einbahnstraße sind. Ai Weiwei weigert sich, die neue Staatsräson zu akzeptieren, dass es legitim und kein Verbrechen sei, wenn Menschen in Massen sterben, weil Europa ihnen den Zugang verweigert.

Die Kunst von Ai Weiwei rüttelt auf und verdeutlicht gleichzeitig, dass die politischen Diskussionen zur Flüchtlingstragödie mittlerweile geradezu bizarren Charakter angenommen haben:

Nahezu im Einheitschor wird unhinterfragt angenommen, dass das Massensterben vor den Toren Europas keineswegs ein Menschheitsverbrechen sei, sondern einem Recht Europas entspreche, seine Grenzen zu schützen. Die immer wieder aufflammende, ursprünglich ausgerechnet durch den grünen Thübinger Oberbürgermeister Palmer angestoßene Debatte über mögliche Schüsse auf Flüchtlinge an den Grenzen sollte den Blick darauf nicht verstellen, dass Europa gegenüber den Flüchtlingen de facto längst zu einer Politik des induzierten Massensterbens übergegangen ist. Dass der Tod von Menschen in großer Zahl als Normalität betrachtet wird, ist Ausdruck eines wahnhaft überforderten Europas, welches sich in rasantem Tempo von allen Schranken des Gewissens befreit hat. Diese Gewissenlosigkeit wird in der Kunst Ai Weiweis sichtbar gemacht.

Die Installation am Berliner Konzerthaus war geografisch gut gewählt. In der Bundesrepublik Deutschland ist Bundeskanzlerin Angela Merkel in Anbetracht sich verschärfender Fluchtursachen dabei, die extremste Asylrechtsverschärfung der bundesrepublikanischen Geschichte auf den Weg zu bringen:

Flüchtlinge will sie in die Türkei abschieben lassen, die ihrersweits Flüchtlinge direkt zurück in die Kriege nach Syrien und Irak schicken lässt. Trotz massiver Verfolgung und Folter und einer staatlichen Strategie der Spannung gehört die Türkei nun zu den sicheren Herkunftsländern - eine Travestie der Rechtsstaatlichkeit. Das menschenrechtliche Horrorland Afghanistan wird als für Abschiebungen prädisteniertes Herkunftsland definiert. Transporte dorthin sollen so schnell als möglich organisiert werden, vom Schreibtisch aus übernimmt Innenminister de Maiziere das Kommando und kündigt baldige Taten an. Verfolgerstaaten gelten nunmehr als sichere Herkunftsländer. Kinder müssen sofort den potentielle tödlichen Fluchtweg einschlagen, denn der Familiennachzug soll massiv eingeschränkt werden. Hilflos sollen Menschen, denen die Flucht gelungen ist, zusehen müssen, wie ihren Familienangehörigen Bombenhagel, Verschleppungen, Folter und Mord zum Opfer fallen. Dass sogar die bereits jetzt unzulängliche medizinische Behandlung von Asylbewerbern weiter eingeschränkt werden soll, verdeutlicht nur als weiteres Detail, dass unmenschlicher Geist dem Gesetzes-Anliegen zugrunde liegt.

Die Normalität des Massensterbens ist bereits so weiträumig akzeptiert, dass dennoch ausgerechnet Angela Merkel als Stimme der Menschlichkeit je nach politischem Standpunkt gepriesen oder angefeindet wird. Ihre Mitverantwortung für den Tod tausender Menschen, die aufgrund der Abschottungspolitik Europas kein sicheres Festland erreichten, wird komplett aus der Wahrnehmung ausgeblendet. Als ob es nicht Angela Merkel gewesen wäre, die den Deal mit Erdogan einfädelte, und die zuvor in Zeiten zunehmender Todesopfer die Beendigung der Seenotrettungsmission Mare Nostrum mit durchsetzte. Wenn diese Politik trotz der zahllosen Toten nun von einigen gar zum Symbol der Menschlichkeit erhoben wird, dann haben Europa und die westliche Welt in Wirklichkeit alle Maßstäbe des Gewissens und der Menschlichkeit hinter sich gelassen.

Ai Weiwei schlägt vom gesellschaftlichem Mainstream auch Kritik entgegen. Er instrumentalisiere die Toten und missbrauche das Bild des toten Jungen. Doch solche Kritik setzt vorwiegend an vermeintlichen Pietäten an und verkennt dabei, dass die wirkliche Pietätlosigkeit und das wirkliche Verbrechen nicht darin bestehen, die Fakten der Öffentlichkeit plastisch zu zeigen, sondern Menschen in Massen unter der Fahne eines angeblich überforderten, tatsächlich aber nicht rettungsbereiten Europas sterben zu lassen.

 

Ai Weiwei lässt durch seine Kunst die Toten nicht der Vergessenheit anheimfallen. Er schweigt nicht zu einem verschwiegenen Unrecht. Er macht ein anhaltendes staatliches Versagen und Verbrechen öffentlich, welches Europa nicht als das zur Kenntnis nehmen will, was es ist. Ai Weiwei ist so heute die chinesische Stimme des Gewissens in einem erstummten Europa. Damit gibt er den Lebenden Hoffnung und den Toten ihre Würde zurück. Hierfür sollten ihm  und den Toten Denkmäler errichtet werden, wenn Europa einstmals aus dem tödlichem Alptraum des Abschottungswahns aufgewacht sein wird.

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Kommentar von Mag. art Sonja Henisch |

Meine Hochachtung vor jemandem, der nicht nur einseitig ein System kritisiert sondern sich offen und klar unsere Welt ansieht und sich zu den Werten der Humanität überall gleich bekennt.

Kommentar von Drawida |

Ich glaube im Gegenteil garnicht daran, dass solche Aktionen etwas "humanisierendes" bewirken. Sie erhöhen lediglich den Bekanntheitsgrad und bei oberflächlichem Hinschauen den Popularitätsgrad des Akteurs oder der Akteure. Auch die Aktionen von "Politische Schönheit" fand ich nicht nur sinnlos, sondern höchst unsinnig. Das Geld, das deren Aktionen gekostet haben, wäre direkt als Hilfe für Flüchtlinge viel effektiver gewesen! Begründung: Wer sich gegen Mitgefühl innerlich abschottet, wird durch solche Aktionen erst recht nicht erreicht, wenn überhaupt! Ai Waiwai sollte sich mal lieber erstmal vegan ernähren, ehe er anderen Vorhaltungen wegen ihrer (verkehrten) Lebenseinstellung macht!