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Toleranz: Was wir von Kambodscha lernen können

(Kommentare: 1)

Eine kleinere Moschee in Phnom Penh (Bild: Guido F. Gebauer)

In den westlichen Industriestaaten dominiert die Überheblichkeit gegenüber Menschen und Gesellschaften in der sogenannten dritten Welt.

 

Ein Aufenthalt in Kambodscha führte dem Verfasser dieses Artikels eine andere Perspektive vor Augen - von anderen Ländern und Gesellschaften lernen, anstatt sich auf seine vermeintliche Überlegenheit zurückzuziehen und zu belehren.

 

Kambodscha ist eine mehrheitlich buddhistische Gesellschaft. Doch in der Hauptstadt Phnom Penh sind die Moscheen gut sichtbar. Anders als in Deutschland sind sie nicht unscheinbar in Hinterhöfen versteckt, sondern sie sind architektonisch im Stadtbild hervorgehoben. Sie sind nicht nur sichtbar, sondern auch weithin hörbar, übrigens durchaus oft gemeinsam mit den buddhistischen Tempeln, die wiederum nicht selten in unmittelbarer Nachbarschaft plaziert sind. Aus den Moscheen erschallt der Gebetsruf, aus den Tempeln buddhistischer Gesang.

 

Der Verfasser hat mit dutzenden buddhistischen Kambodschanern gesprochen und immer wieder begegnete ihm die gleiche Reaktion:

 

Kein einziger der Befragten schien zuvor auch nur auf den Gedanken gekommen zu sein, dass es ein Problem sein könnte, wenn in unmittelbarer Nachbarschaft Moscheen gebaut werden oder der muslimische Gebetsruf erschallt. Erstaunen und oft überrascht-ungläubiges Lächeln begegnete dem Verfasser als er seinen Gesprächspartnern erläuterte, dass in Deutschland Moscheen versteckt würden, bei jedem Neubau erst einmal Demonstrationen "besorgter Bürger" erfolgten und sich überdies keine Moschee wagen würde, der Nachbarschaft ihren Gebetsruf vorzuspielen.

 

Auch vor einer Islamisierung Kambodschas fürchtete sich übrigens keiner der Befragten.

 

Der Verfasser sprach ebenfalls mit zahlreichen muslimischen Kambodschanern und hier ergab sich das gleiche Bild:

 

Ein unbekümmertes und friedliches Neben- und Miteinander mit der buddhistischen Nachbarschaft.

 

Keiner der vielen kambodschanischen Gesprächspartner des Verfassers sah die Gefahr einer Radikalisierung der dortigen Muslime oder einer religionsbegründeten feindlichen Spaltung der Gesellschaft. Unterschiede wurden wahrgenommen, aber nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erlebt – bis hin zu dem jungen buddhistischem Mann, der erklärte, er sei so begeistert von der muslimischen Tracht, dass er sie gerne trage.

 

Was für ein Unterschied zum buddhistischen Myanmar, wo radikale Mönche zur Lagerinhaftierung der seit Jahrzehnten unterdrückten muslimischen Rohingyas oder gleich zu deren kompletter Vertreibung aufrufen! Jahrzehntelange Isolation von der Außenwelt durch die Militärdiktatur, der Mythos eines monolithischen Staatsvolkes und die Diskriminierung von Minderheiten haben in Myanmar ihre furchtbaren Spuren hinterlassen.

 

Auch in Deutschland und Europa wird ein anderer Weg beschritten als in Kambodscha. Hier sehen wir weniger die wechselseitige Freude am anderen, sondern es ziehen in Deutschland die Pegidas und AfDler durch die Straßen  - die Kleinbürger, Spießer, Fremdenfeinde und Rassisten, die offenbar ähnlich wie einstmals die NSDAP unter Heimat die Monotonie eines „reinen Volkskörpers“ verstehen, der in Wirklichkeit ebenso Fiktion wie gefährlicher Sprengsatz ist. Ihre Einstellung teilen sie mit ihren scheinbar ärgsten Gegnern, den islamistischen Fundamentalisten, für die es ebenso undenkbar wäre, in friedlicher Nachbarschaft mit Tempeln und Kirchen zu leben.

 

Dieser Artikel handelt nicht von der Geschichte Kambodschas, nicht von den Verheerungen unter den roten Khymern, die es übrigens ohne das US-amerikanische Massenbombardmement wohl nie gegeben hätte, und auch nicht von den zahlreichen Problemen des heutigen Kambodschas, sondern er handelt von der Freundlichkeit, Offenheit und Toleranz, mit der die Menschen in Kambodscha mit Unterschieden umgehen, Unterschiede die sie nicht als Minderung, sondern als Steigerung ihrer Lebensqualität und farbenfrohe Anreicherung ihres Stadtbildes und ihrer Gesellschaft erleben.

 

Würde Europa in Kambodscha nicht nur seine Textilien produzieren lassen, sondern von Kambodscha lernen, wären die Aussichten hoch, dass es uns gelingen könnte, der Entstehung und Ausbreitung von Terror einen wirksamen Riegel vorzuschieben. Überlassen wir aber Pegida, AfD und den anderen politischen Profiteuren des Terrors das Feld, werden wir die Chance für einen toleranteren, friedlicheren und freundlicheren Umgang miteinander verspielen. Damit würden wir genau das umsetzen, was dem Interesse von al-Qaida, ISIS und anderen Terrorgruppen entspricht und ihre Propaganda eines angeblichen Kreuzzugs gegen den Islam unterstützt.

 

Verfasser: Guido F. Gebauer

 

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Kommentar von Regina |

Ich stimme dem Artikel aus ganzem Herzen zu. Ich bin auf allen Kontinenten und in vielen Ländern gewesen, auch in vielen Ländern Asiens. Nirgendwo habe ich so freundliche, geduldige und liebevolle Menschen getroffen wie in Kambodscha!